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IV-Rentenstopp
04.06.2018

IV-Rentenstopp: Ärztin Doris Brühlmeier will ihre Patienten vor verheerenden Folgen schützen

von Sophie Rüesch — Schweiz am Wochenende

Die Psychiaterin Doris Brühlmeier Rosenthal spricht von einer humanitären Katastrophe.

Doris Brühlmeier hat eine Umfrage unter Kollegen durchgeführt, um aufzuzeigen, welch verheerende Folgen ein Rentenstopp für Betroffene haben kann.

Die Psychiaterin Doris Brühlmeier Rosenthal, die in Schlieren eine Praxis hat, sorgt sich zunehmend um die Menschen, die von den IV-Revisionen direkt betroffen sind. So sehr, dass sie letztes Jahr aufgrund einer Häufung erschütternder Fallbeispiele eine eigene – nicht repräsentative – Erhebung unter Berufskollegen durchführte, um herauszufinden, ob ihre Eindrücke geteilt werden. Ihr Befund: Nur weil es der IV so lieber wäre, werden psychisch Kranke nicht einfach über Nacht gesund – und also auch nicht plötzlich arbeitsfähig.
Brühlmeier Rosenthal spricht von einer «humanitären Katastrophe, die hier offensichtlich im Gange ist». Denn einem IV-Stopp folge oft der «soziale Tod», gekennzeichnet durch Sozialamtsabhängigkeit, Verschlechterung des Gesundheitszustands, Hospitalisationen, Armut und vollständiger Arbeitsunfähigkeit.

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Von ihren Kollegen erhielt Brühlmeier Rosenthal Informationen über 402 Patienten. Die Auswertung der Daten zeigte, dass 93 Prozent der davon insgesamt
43 Entrenteten nicht ins Berufsleben, sondern in die Sozialhilfe einstiegen; bei den 134 als Neurentner Abgewiesenen waren es 60 Prozent. Unter der Rentenverweigerung habe vor allem auch deren Gesundheit gelitten, was weitere Kosten verursachte. Denn: «Der Druck, den eine Rentenverweigerung auslöst, wirkt sich auf psychisch Kranke fatal aus», wie Brühlmeier Rosenthal auf Anfrage sagt. So hat sich bei der Umfrage auch herausgestellt, dass der Erwerbstätigenanteil unter jenen Patienten, die Rente beziehen, um ein Vielfaches höher ist als bei jenen, denen die Rente abgesprochen oder gar nie zugestanden wurde.

Auf die Publikation ihrer Erkenntnisse in der Schweizerischen Ärztezeitung hat Brühlmeier Rosenthal Zuspruch von Berufskollegen aus verschiedensten Regionen der Schweiz erhalten. Wie sie selbst würden auch diese darunter leiden, was Rentenverweigerungen bei ihren Patienten bewirken. Brühlmeier plant zurzeit zusammen mit dem Verein Ethik und Medizin Schweiz eine erneute Umfrage mit einem grösseren Datensatz. Seit ihrer ersten Untersuchung habe sich nämlich an der Praxis nichts geändert, im Gegenteil: «Es wird immer noch schlimmer.»

Ein Umdenken brauche es vor allem auf politischer und auf Gerichtsebene, so Brühlmeier. Man müsse aufhören, die Rentenzahlen trotz wachsender Bevölkerung noch mehr zu dezimieren, und bei der Beurteilung wieder vermehrt den Menschen ins Zentrum stellen. Dazu gehöre auch, beim Rentenentscheid die bestehenden diagnostizierten Krankheiten der Betroffenen anzunehmen. «So könnte sehr vielen kranken Menschen grosses Leid erspart, die Chronifizierung der Krankheit vermieden und nicht zuletzt könnten auch Behandlungskosten reduziert werden.»

 

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